Angewandte Gerontopsychiatrie und Neuropsychologie

Forschungsgruppe der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Mit dem demographischen Wandel nimmt der Anteil an älteren Menschen in der Bevölkerung stetig zu. Demenz und Depression sind gerontopsychiatrische Erkrankungen mit besonders hohen Prävalenzen im höheren Lebensalter und stellen besondere Herausforderungen an die (Differential-)Diagnostik und Versorgung. Zudem bestehen zwischen beiden Krankheitsbildern Zusammenhänge, die nicht vollständig geklärt sind, aber zusätzlich wichtige Anhaltspunkte für die Entwicklung neuer diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen liefern können.

Doktorarbeiten

Die Vergabe von Doktorarbeiten ist geplant. Bitte richten Sie bei Interesse Ihr Anschreiben an: claudia.bartels(at)med.uni-goettingen.de

Übergeordnete Ziele

Unsere Forschungsgruppe (FG) Angewandte Gerontopsychiatrie und Neuropsychologie widmet sich insbesondere der Weiterentwicklung von Diagnostik und Versorgung von Betroffenen mit Demenz und/oder Depression.

1. Diagnostik

Neben Biomarkern liefern klinische und kognitive Daten elementare Beiträge zur Phänotypisierung psychiatrischer Erkrankungen und damit zur Differentialdiagnostik. Zusätzlich zu einer Verbesserung in der ätiologischen Zuordnung ist die Weiterentwicklung klinisch prädiktiver Diagnostik von besonderem Interesse, insbesondere um eine bessere Früherkennung erzielen.

2. Prävention

Prädiktive Diagnostik erweitert kritische Fenster für eine Behandlung und ermöglicht durch bessere Früherkennung den Einsatz (sekundär) präventiver Maßnahmen. Ziele unserer Forschungsgruppe sind dabei die Identifizierung geeigneter präventiver Behandlungsansätze und ggf. deren Erprobung im Rahmen von proof of concept bzw. proof of mechanism-Studien.

3. Versorgung

Für Altersdepression und Demenz stehen bereits einige pharmakotherapeutische Möglichkeiten und psychotherapeutische / psychosoziale Interventionen zur Verfügung. Letztere werden jedoch häufig trotz hohen Versorgungsbedarfs nicht ausreichend genutzt. Daher sollen hier psychotherapeutische und psychosoziale Behandlungsansätze neu entwickelt oder bestehende optimiert und etabliert werden

Auswahl aktueller Projekte

Prädiktive Diagnostik: Pathologisches akzeleriertes Vergessen (accelerated long-term forgetting, ALF) als früher kognitiver Demenzmarker

Als frühe, präklinische Stadien mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einer demenziellen Entwicklung werden subjektive kognitive Einbußen (subjective cognitive decline; SCD) mit und ohne pathologische Biomarker-Veränderungen angesehen. SCD äußert sich dabei in der Sorge um subjektiv wahrgenommene kognitive Einbußen, ohne dass sich diese in neuropsychologischen Standardtestverfahren objektivieren lassen. Insbesondere Gedächtniseinbußen, die v.a. mit einer Progredienz zu einer Alzheimer-Demenz im Verlauf assoziiert sind, werden mit den üblichen Standardverfahren mit einem 20-30min Abrufintervall nicht erfasst.

Als weiteres Paradigma zur Feststellung bereits subtiler kognitiver Veränderungen – neben Gedächtnisaufgaben mit gesteigertem Anforderungsniveau (high-demanding tasks) – kann die Langzeitkonsolidierung angesehen werden, die eine stärkere Vergessensrate (accelerated long-term forgetting; ALF) bei deutlich längeren Abrufintervallen (Tage bis Monate) berücksichtigt. ALF beschreibt einen Prozess, in dem gelerntes und über kurze Zeiträume behaltenes (bis zu 30min) Gedächtnismaterial eine sehr hohe Vergessensrate über die folgenden Stunden und Wochen aufweist. ALF könnte dabei expliziten Gedächtnisstörungen, gemessen anhand von Standardtests, vorausgehen. Entsprechend könnten Hochrisikogruppen für eine demenzielle Entwicklung mit Hilfe dieses potenziell frühen kognitiven Markers zukünftig frühzeitig präventiven Maßnahmen zugeführt werden.

Für dieses Projekt prädiktiver Diagnostik sollen klinische, neuropsychologische und Bildgebungsdaten der Langzeitbeobachtungsstudie DELCODE in Kollaboration mit PD Dr. R. Goya-Maldonado (Forschungsgruppe Labor für Systemische Neurowissenschaften und Bildgebung in der Psychiatrie; SNIP-Labor) ausgewertet werden.

Sekundäre Prävention: Langzeittherapie mit Antidepressiva bei Mild Cognitive Impairment

Auf der Suche nach neuen Behandlungsoptionen erscheinen bereits zugelassene und sichere Medikamente mit bislang anderweitiger Indikation als attraktive Kandidaten (drug repurposing). Eigene Analysen großer Datenbanken legen nah, dass die Langzeiteinnahme von Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Wiederaufnahmehemmer (SSRI) im Sinne einer Sekundärprävention die Konversion von dem präklinischen Demenzstadium Mild Cognitive Impairment (MCI) zu einer Demenz bis zu drei Jahre verzögern kann. Anhand weiterer (nationaler und internationaler) Datenbankauswertungen und einer proof of mechanism-Studie sollen geeignete Antidepressiva identifiziert und hinsichtlich des Wirkmechanismus untersucht werden.

Hörgeräteversorgung: Demenzprävention durch Verbesserung der Hörgeräteversorgung

Neben kognitiven Einschränkungen treten im höheren Lebensalter ebenso zunehmend sensorische Defizite wie Hörminderungen auf. Im Gefolge dieser Veränderungen und damit einhergehender psychischer Belastungen ergeben sich negative Auswirkungen auf das psychische Befinden. Zudem sind bereits leichte Formen von Hörminderung mit einem deutlich erhöhten Langzeitrisiko für die Entwicklung kognitiver Defizite bzw. einer Demenz verbunden, so dass die nicht rehabilitierte periphere Hörminderung einen potenziell modifizierbaren Demenzrisikofaktor darstellt. Es ist jedoch noch unklar, ob eine Korrektur mit Hörgeräten die Demenzentwicklung verhindern oder verzögern kann bzw. einen positiven Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit und/oder das psychische Befinden hat.

Im Forschungsprojekt AD-HEARING soll in einer monozentrischen, prospektiven Kohortenstudie mit konsekutivem Einschluss untersucht werden, inwieweit eine reguläre und erfolgreiche Hörgeräteversorgung bzw. -optimierung im Verlauf zu einer Verbesserung kognitiver Leistungsfähigkeit und psychischem Befinden führen kann. Als übergeordnete Ziele sollen verfolgt werden: (1) eine verbesserte Psychoedukation hörgeminderter Patient*innen zu kognitiven und psychischen Auswirkungen von Höreinschränkungen, (2) eine verbesserte Adhärenz/Compliance bei einer Hörgeräteversorgung und (3) eine Verbesserung der sektorenübergreifenden Versorgung mit früherer Inanspruchnahme entsprechender Versorgungsstrukturen (z.B. Gedächtnisambulanz, niedergelassene Fachärzte zur Demenzfrüherkennung, psychiatrische/psychotherapeutische Begleitbehandlung).

Im Rahmen dieses Projekts kooperiert die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie unter Federführung von PD Dr. Claudia Bartels, PD Dr. Michael Belz, Dr. Mona Abdel-Hamid (s. a. „PITCH“: Forschungsgruppe zu PatientInnen mit Taubheit und anderer chronischer Hörminderung) und Dr. Sebastian Gmeinwieser mit der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der UMG (Prof. Dr. Nicola Strenzke). AD-HEARING wird unterstützt durch eine Forschungsförderung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.v. mit einer Fördersumme von 102.242€. Der Studie läuft im Zeitraum vom 01.01.2021-30.06.2023.

Download: Flyer

Weiterführende Informationen:

Psychotherapeutische Versorgung: Das neuropsychologisch-verhaltenstherapeutische Gruppenangebot für Menschen mit beginnender Demenz

Für die Demenz liegen bereits eine Reihe unterschiedlichster psychosozialer Behandlungskonzepte unterschiedlicher Empfehlungsgrade und Evidenzebenen vor. Auch wenn die genannten therapeutischen Strategien im Rahmen von Studien Patient*innen angeboten werden, scheinen therapeutische Interventionen, die sich direkt an Betroffene im Frühstadium der Erkrankung richten, unterrepräsentiert zu sein und bisher kaum den Weg in ambulante, klinische Versorgungsstrukturen gefunden zu haben. An unserer Klinik wird seit 2013 wiederkehrend eine ambulante, neuropsychologisch-verhaltenstherapeutische Gruppe für Menschen mit beginnender Demenz durchgeführt. Das multimodale Interventionsprogramm ist angelehnt an ein bereits veröffentlichtes Therapiemanual für eine Einzel-/Paarbehandlung und wurde für das Gruppensetting modifiziert und inhaltlich erweitert. Geplant ist eine Evaluation der Gruppe – besonders auch im Hinblick auf antidepressive Effekte – im Vergleich zu Vordaten aus dem dyadischen/triadischen Setting, einer Wartelistenkontrollgruppe mit treatment as usual sowie Daten aus reinen Angehörigengruppen.

Hausärztliche Versorgung: Das Netzwerkprojekt FIDEM Göttingen

FIDEM (Frühzeitige Informationen und Hilfen bei Demenz) ist ein Netzwerkmodell für Hausärzte, nichtärztliche Behandler und Einrichtungen (1) zur Verbesserung der Versorgungssituation Demenzbetroffener und ihrer Angehöriger, (2) Entlastung von Hausarztpraxen und (3) effektiver Nutzung nichtärztlicher Unterstützungsangebote im Landkreis und Stadt Göttingen unter der Koordination von Dr. Claudia Bartels. Seit Ende 2017 wurden sieben quartiersbezogene Netzwerke aufgebaut, bestehend aus ca. 30 Hausarztpraxen und ca. 50 nichtärztlichen Einrichtungen wie Beratungsstellen (Pflegestützpunkte, Pflegeberatung der Krankenkassen), Ergotherapeut*innen und Anbietern von Unterstützungs- und Entlastungsangeboten.

Um das Versorgungsprojekt und dessen Weiterentwicklung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, FIDEM weiter in der Versorgungslandschaft zu verankern, Anregungen zur Verbesserung von Versorgungsstrukturen für Demenzbetroffene und deren Angehörige auf der Grundlage quantitativer Daten überregional weitergeben zu können, sollen die Versorgungsnetzwerke zunehmend erweitert und quantitativ evaluiert werden.

Kollaborationen

In der Klinik für Psychiatrie du Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen:

  • Projekt EKT Begleitforschung: Forschungsgruppe Elektrokonvulsionstherapie (Leitung Priv.-Doz. Dr. D. Zilles-Wegner)
  • Projekt Langzeitkonsolidierung ins Gedächtnis und Bildgebung, Depression und Demenz: Forschungsgruppe Labor für Systemische Neurowissenschaften und Bildgebung in der Psychiatrie (SNIP-Labor; Leitung Priv.-Doz. Dr. R. Goya-Maldonado)
  • Projekte Gerontopsychiatrisches Beratungstelefon, Demenz im Krankenhaus: Forschungsgruppe Seniorenheimversorgungsforschung unter der Leitung von Dr. Katrin Radenbach)

Mit der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde der Universitätsmedizin Göttingen:

  • Projekt AD-HEARING (s.o.) mit Prof. Dr. Nicola Strenzke

An der Universitätsmedizin Göttingen:

  • EViPan Unimed-Projekt „Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf vorbekannte psychische Störungen: Kartierung psychosozialer Bedarfe unter Federführung von PD Dr. Claus Wolff-Menzler, PD Dr. Claudia Bartels, PD Dr. Michael Belz, PD Dr. Philipp Heßmann

Extern:

  • Prof. Dr. L. Frölich (ZI Mannheim) i.R. des Deutschen Netzwerks Gedächtnisambulanzen (DNG): Befragung "Die leichte kognitive Störung und die leichte kognitive Störung bei Alzheimer Krankheit in der klinischen Praxis"

Förderung/Drittmittel

  • Das Projekt AD-HEARING wird gefördert durch die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. (StabR-V 720/20; Reg 02776).
  • Das EViPan Unimed-Projekt „Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf vorbekannte psychische Störungen: Kartierung psychosozialer Bedarfe“ wird gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF; #01KX2021).

Kontakt

Leitung

Leitende Psychologin

PD Dr. Claudia Bartels (Dipl.-Psych.)

PD Dr. Claudia Bartels (Dipl.-Psych.)

Kontaktinformationen

Sekretariat

Psychologe

PD Dr. Michael Belz (Dipl.-Psych.)

Sekretariat

Sekretariat Gedächtnisambulanz

Elke Wiegmann

 Elke Wiegmann

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Mitarbeiter*innen

Psychologin

Sina Hirschel (Dipl.-Psych.)

 Sina Hirschel (Dipl.-Psych.)

Kontaktinformationen

  • Psychol. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, VT

Psychologe

Dr. Sebastian Gmeinwieser (M. Sc. Psych.)

Dr. Sebastian Gmeinwieser (M. Sc. Psych.)

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